Reife Liebe – Phasen in Paarbeziehungen

Vorbemerkungen: Menschliche Beziehungen, bei Paaren wie auch z. B. in Arbeitsteams, können verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen. Diese sind nicht immer so deutlich abgrenzbar wie unten beschrieben und müssen nicht alle durchlaufen werden. Außerdem können sie auch in anderen Reihenfolgen erlebt werden, man kann auch auf frühere Stufen zurückfallen und man kann zur selben Zeit in verschiedenen Phasen sein, nämlich auf verschiedenen Gebieten.
Die unbewussten Hintergründe hiervon, also weswegen man sich so verhält, werden in meinem Artikel „Wie Paarbeziehungen funktionieren“ und „Die Krise in der Mitte des Lebens – Midlifecrisis“ beschrieben.

1. „Verliebtheits-Phase“
Man erlebt sich zumeist zu 100% vom anderen geliebt, geachtet und irgendwie genährt. „Only you...!“ „Ohne dich kann ich nicht leben!“. Die "Inneren Kinder" erleben: „Endlich bekomme ich die Liebe, nach der ich mich schon immer gesehnt hatte!" - Alles passt. Man sieht nur rosa. Und andere „Farben“, gar dunkle, interessieren einen nicht, werden automatisch ausgeblendet, z. B.: „Er trinkt zwar ein bisschen, aber das wird sich noch geben, bzw. werde ich ihm noch abgewöhnen!“
Diese Verliebtheitszeit ist immens wichtig – nicht nur, weil sie als besonders schön erlebt wird, sondern auch, weil sich da ja zeigt, zu welchen Gefühlen jeder fähig ist, welches Potenzial also in einem selbst liegt – und in der Partnerschaft! Dieses Potenzial ist also vorhanden – und gilt es, später dann zu entwickeln, wenn vielleicht alles verloren scheint!

2. „Schrumpf-Phase“
Irgendwann ahnt man langsam die „Unebenheiten“, die bisher ausgeblendet waren. Das "Innere Kind" bekommt Angst, dass diese wunderbare Harmonie zu Ende gehenkönnte und gleicht diese „Unebenheiten“ nun aus. D. h. man nimmt sich zurück, ohne es richtig zu bemerken, „arrangiert“ sich oder „hakt ab", was nicht so wichtig erscheint. Meistens tun es beide, oft auch unbewusst. Und es geschieht in verschiedensten Lebensbereichen: nicht mehr so viele Freunde treffen, obwohl man es eigentlich tief im Innersten wünscht, Hobbys  zurückstellen, Meinung nicht ganz deutlich sagen ....
Dieses eigene „Schrumpfen“ ist wie ein unbewusstes Schutzschild, um nicht zu spüren, dass die wunderbaren Zeit der Verliebtheit anscheinend nicht mehr da ist. Und es geschieht natürlich aus positiver Absicht, aus Liebe, um die Beziehung und den Frieden nicht zur gefährden.
Und dieses Schützen, mehr oder weniger leichte Verschließen, hat fatale Nebenwirkungen: einerseits hält man sich selbst zunehmend mehr zurück in seiner Offenheit und Liebe, andererseits kann man auch Positives weniger spüren, denn: Schutzschild ist Schutzschild!
Und beides ist der schleichende „Tod“ einer Beziehung!
Ebenso fatal ist, dass dies schleichend geschieht. So dass man es kaum merkt, wann es dann zu viel geworden ist, sondern oft wacht man dann plötzlich auf, meist aufgrund von Anlässen, die von außen zu kommen scheinen:
kurz vor Übergang in die nächste Phase treten z. B. verschiedenste Symptome auf, weil die verborgenen Gefühle zu stark geworden sind, aber man es noch nicht wagt, mit dem anderen darüber zu sprechen (oder man wurde immer noch nicht verstanden).
Solche Symptome können z. B. sein:

  • Heimlichkeiten (siehe z. B. meinen Artikel „Affären“).
  • Psychosomatische Reaktionen. Aufgrund der inneren Spannungen (des eigenen Schrumpfens bzw. der Ahnung: da liegt was beim anderen in der Luft!) reagiert der Körper. Z. B. mit Schmerzen ohne körperlichen Befund (z. B. Herzschmerzen – aber eigentlich tut das Herz im übertragenen Sinne weh), oder Schwindelgefühlen (weil man sein derzeitiges Leben als „Schwindel“ erahnt).
  • Auftretende Süchte, z. B. Essen (unbewusst z. B.: „Ich bekomme vom anderen nicht genug!“), Arbeit (unbewusst z. B.: „Wenigstens hier erlebe ich mich wertgeschätzt.“).
  • Oder Symptome bei den Kindern. Kinder fangen nämlich sehr sensibel Spannungen auf und reagieren darauf unbewusst (!) durch z. B.: Leistungsabfall in der Schule, Aggressivitäten, Stehlen, ....

Bis man „wegen der Kinder“ in eine Therapie geht und dort vielleicht auch Gelegenheit bekommt, über seine eigenen Themen zu sprechen; bis die Heimlichkeiten auffliegen oder bis es einem zuviel wird und man es „knallen“ lässt. Das ist dann die nächste Phase:

3. „Kampf-Phase“
„Jetzt reicht es!“ Der eine haut dem anderen alles per Vorwürfen um die Ohren: was der andere alles falsch gemacht habe, weswegen man selber dadurch so viel gelitten habe, usw. Man polarisiert sich immer mehr. In dieser Phase kämpfen die "Inneren Kinder" gegeneinander, manchmal wie ums Überleben! Würde ein Außenstehender das beobachten, würde er denken: "Das ist ja wie im Kindergarten!" - Die meisten Paare trennen sich in dieser Phase.
Leider oft vorschnell. Denn viele haben nicht gelernt, wie man sich konstruktiv vertritt und kennen stattdessen nur entweder „Harmonie“ oder „Krieg“. Und können sich in dieser Kampfphase kaum noch vorstellen, dass es eine sinnvolle Änderung geben könne, vor allem, da es sich oft wie ein Kampf ums eigene Überleben anfühlt. (Die tieferen Gründe für diese ungeheure Vehemenz siehe: „Wie Paarbeziehungen funktionieren“).
Aber unzählige Paare haben einen Neubeginn erleben können!

Aufgrund der eigenen Not vergisst man hier meist die Grundlage der Beziehung, die Liebe – die eigene, wohlgemerkt. Die vom anderen wird oft eingefordert, als ob Liebe einklagbar sei: „Wenn er/sie mich wirklich lieben würde, dann müsste er/sie doch ...!“ Aber münzt dies halt nur auf den anderen.
Und selbst wenn man gewinnen sollte, wird der Sieger hinterher nicht richtig froh. Weil man gegen den anderen, damit gegen die Beziehung und gegen sich selbst gewann – und deshalb auch mit verlor.

Es kann natürlich auch sein, dass man sich in der vorigen „Phase“ zu sehr „geschrumpft“ hat und alle Gefühle in einem erkaltet sind – siehe auch meinen Artikel „Zu spät?“.  Dann verlassen viele ihren Partner, auch wenn dieser vielleicht gerade aufwacht. Es ist eben „zu spät“ gewesen. (Wiewohl auch erkaltete Gefühle sich wieder erwärmen können!)

4. „Verhandlungs-Phase“
Das Kämpfen flaut ab. Die „erwachsenen" Anteile fangen wieder an zu arbeiten. Man setzt sich nun gegenüber und verhandelt sachlich.
Manchmal wird es jedoch dabei schon fast geschäftsmäßig: „Wenn du abends eher nachhause kommst, dann achte ich auch darauf, die Kinder schon im Bett zu haben und mehr für dich da zu sein.“ So ist man zwar nicht mehr Gegner, aber noch ein „Gegen-Über“. Und sucht den Ausweg im Kompromiss.
Kompromisse sind erste Schritte, helfen aber nicht immer. Manchmal sind es „faule Kompromisse“ – man stimmt zu, aber eher halbherzig, um wieder Frieden zu haben. Dann ist man jedoch wieder in der „Schrumpf- Phase“.
Und in jedem Kompromiss liegt auch eine gewisse Spannung, weil beide ja Abstriche machen und deswegen unter Umständen später nicht ganz zufrieden sind. Diese Spannung kann fühlbar werden, wenn einer mal seinen Part nicht einhält. Dann kann der andere auch seine Verabredung aufkündigen und es kann wieder zum Kampf kommen: „Du hast dich ja auch nicht an die Abmachung gehalten!“

5. „Gemeinsame (!) Lösungs-Phase“ - reife Liebe
Hier wird der Ausweg auf einer höheren Ebene gefunden: in der Verbundenheit in Liebe als Ausgangspunkt. Man erlebt sich miteinander verbunden und sucht deshalb gemeinsam zu befriedigenden Zielen zu kommen.

Stand man sich in der vorigen Phase noch gegen-über, also auf zwei Standpunkten und jeder vertrat sich selbst, so steht man nun neben-einander auf einem gemeinsamen Punkt, und jeder vertritt beide, man überlegt gemeinsam für beide. D. h.: man weiß um den Standpunkt des anderen und will auch dafür von ganzem Herzen eine Lösung finden, so als wäre es auch das eigene Ziel. Der Ausgangspunkt ist also nun die Gemeinsamkeit, nicht mehr nur „ich“ (Phase 2 und 3) oder „du“ (Phase 1 und 2).
Kurz gefasst: eine reife Liebe liebt ohne Erwartungen, z. B. ohne dass man Gegenliebe erwartet. Sie ist also gar nicht mehr „kaufmännisch-berechnend", (Phase 4), ob etwa sich eine „Investition" von Liebe noch lohnen würde oder nicht. Denn: Liebe ist Liebe! - „Die beste Beziehung ist die, in der jeder Partner den anderen mehr liebt als braucht.“ (Dalai Lama).
Diese reifste Form der Beziehung braucht natürlich sowohl ihre Zeit zur Entwicklung wie auch dann zur „Pflege“.

Selbsttest

Machen Sie – am besten auch mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin zusammen! – den Selbsttest Ihrer momentanen Situation:

Jeder schreibt alleine für sich intuitiv auf, wie viel Prozent nach seiner Meinung auf jeden der fünf Bereiche momentan entfallen. Die Summe muss sich bei jedem natürlich auf 100% addieren.
Und dann vergleichen Sie Ihre Werte miteinander und sprechen Sie darüber! Dies kann schon zu tieferer Partnerschaft führen, besonders wenn man offen über Hintergründe von hohen Werten bei der Schrumpf- oder der Kampfphase spricht und gemeinsam nach Wegen sucht.

Zur Therapie kommen die meisten Paare natürlich, weil sie im Bereich 3 – Kampf – hängen geblieben sind. Und da kann ihnen dieses Erfahrungsschema eine Hilfe werden: es gibt MEHR! Es gibt noch mehr als Kampf, sogar noch mehr als Kompromisse. Es gibt auch reife Liebe zu erreichen.



Ausführlicheres zu diesem Artikel können Sie auch in meinen öffentlichen Vorträgen hören.

Das Urheberrecht des Artikels liegt bei Peter Bartning, www.beziehungsheilung.de.
Ausschließlich für private Zwecke darf dieser Artikel – ganz oder in Auszügen – weitergegeben werden und nur unter der Bedingung, dass dann als Quelle mindestens mein Name und meine Webseite mit aufgeführt sind. Jede andere Verwendung, insbesondere berufliche oder gewerbliche, bedarf meiner vorherigen schriftlichen Genehmigung.
Nach oben